Sieht man Karies auf dem Röntgenbild? Wann Röntgen hilft — und wann nicht
Röntgenaufnahmen sind in der Zahnmedizin ein wichtiges Werkzeug — aber sie zeigen nicht jede Karies. In diesem Artikel erkläre ich, welche Formen von Karies man im Röntgenbild erkennt, welche Aufnahmetechniken am besten sind, welche Grenzen es gibt und welche Alternativen Ihr Zahnarzt verwendet.
Viele Patienten fragen: "Sieht man Karies auf dem Röntgenbild?" Die kurze Antwort: Oft ja — aber nicht immer. Ob Karies auf einer Aufnahme sichtbar wird, hängt von der Art der Karies, der Tiefe des Defekts, der verwendeten Röntgentechnik und der Bildqualität ab. Im Folgenden erfahren Sie, wie Zahnärzte Röntgenbilder interpretieren, welche Formen von Karies gut erkennbar sind, welche Störungen es gibt und welche ergänzenden Prüfverfahren existieren.
Welche Karies sieht man zuverlässig im Röntgenbild?
Karies zeigt sich auf Röntgenaufnahmen als radioluzente (dunkle) Areale, weil kariöse Bereiche weniger Mineralgehalt und damit geringere Röntgenabsorption haben. Besonders gut erkennbar sind:
- Interdentale (Zahnzwischenraum-)Karies: Für diese Form sind Bissflügelaufnahmen (Bitewing) die Standardaufnahme — hier ist die Erkennung am zuverlässigsten.
- Dentin- und tiefere Läsionen: Sobald die Karies das Dentin erreicht hat, ist sie im Röntgenbild in der Regel sichtbar.
- Sekundärkaries unter Füllungen: Wenn Dentin betroffen ist, lässt sich eine Aufhellung neben Rändern oft erkennen (abhängig von Material und Überlagerung).
- Wurzelkaries bei freiliegenden Wurzeln: Auf periapikalen oder parodontalen Aufnahmen meist erkennbar.
Welche Karies sieht man oft nicht?
- Sehr frühe Schmelzdefekte: Kleine Entkalkungen der Schmelzoberfläche (initiale Karies) sind oft noch nicht radiologisch nachweisbar — häufig ist ein Mineralverlust von etwa 30–40 % nötig, damit er auf dem Röntgenbild erscheint.
- Okklusale (Kauflächen-)Karies in frühem Stadium: Diese verläuft häufig unter einer intakten Schmelzschicht und bleibt lange unsichtbar.
- Überlagerungen und ungünstige Projektion: Bei schlechter Winkelstellung der Strahlen oder Überlagerung benachbarter Strukturen kann Karies verdeckt werden.
- Karies in Kompositfüllungen oder stark bestrahlten Bereichen: Manche Restaurationsmaterialien oder Metallrestaurationen erzeugen Artefakte oder verschleiern Befunde.
Welche Röntgenaufnahmen gibt es und wofür eignen sie sich?
- Bissflügelaufnahmen (Bitewing): Beste Wahl für Zahnzwischenräume und beginnende dentinale Karies — besonders im hinteren Seitenzahnbereich.
- Periapikale Aufnahmen: Gut für die Zahnwurzel, apikale Veränderungen und Wurzelkaries, weniger sensitiv für kleine approximal kariöse Defekte.
- Panoramaröntgen (OPG): Gibt einen Überblick über Kiefer und Zähne, ist aber für frühe Karies ungeeignet — kleine Läsionen gehen oft verloren.
Radiologische Diagnose: Was der Zahnarzt beurteilt
Beim Lesen des Röntgenbildes bewertet der Zahnarzt:
- Form und Ausdehnung der radioluzenten Stelle (Schmelz vs. Dentin).
- Symmetrie und Verlauf gegenüber dem Gegenzahn.
- Ob Ränder einer Füllung und Übergänge verdächtig sind (Sekundärkaries).
- Korrelation mit der klinischen Untersuchung (Sondierung, Sichtbefund, Symptome).
Grenzen und Fehlerquellen
- Winkel- und Überlagerungsfehler: Kleinste Veränderungen können durch falsche Projektion übersehen werden.
- Bildqualität: Unter- oder überbelichtete Aufnahmen reduzieren die Erkennbarkeit.
- Artefakte durch Zahnersatz: Metallische Kronen oder große Füllungen können Ausgleichseffekte erzeugen.
- Subjektive Interpretation: Unterschiedliche Beurteiler können zu abweichenden Diagnosen kommen — deshalb sind Vergleichsaufnahmen (Voraufnahmen) wertvoll.
Welche Alternativen und Ergänzungen gibt es zur Diagnose?
Weil Röntgen nicht alles zeigt, nutzen Zahnärzte ergänzende Methoden:
- Visuelle Inspektion und Sondierung: Mit Lupenbrille oder Mikroskop wird die Oberfläche beurteilt.
- Laserfluoreszenz (z. B. DIAGNOdent): Kann frühe okklusale und approximal Schäden aufspüren, liefert aber keine bildliche Darstellung.
- Digitale transilluminationsverfahren (DIFOTI, FOTI): Lichtdurchleuchtung kann Risse und initiale Läsionen sichtbar machen.
- Monitoring: Verdächtige, aber nicht sicher behandlungsbedürftige Läsionen werden häufig beobachtet und mit Fluorid/Prävention versorgt.
Sicherheit: Strahlenbelastung und Untersuchungsintervalle
Zahnärztliche Röntgenaufnahmen sind heute digital und die Strahlendosen sehr gering. Dennoch gilt das ALARA-Prinzip (so niedrig wie vernünftigerweise erreichbar). Empfehlungen zum Intervall richten sich nach Kariesrisiko:
- Niedriges Risiko: ggf. längere Intervalle (z. B. 1–2 Jahre).
- Hohes Risiko, Kinder/Jugendliche oder bei kariöser Vorgeschichte: kürzere Intervalle (6–12 Monate).
Besprechen Sie mit Ihrem Zahnarzt das individuell passende Intervall.
Praktische Tipps für Patienten
- Wenn Sie Schmerzen oder Verdacht haben, bitten Sie gezielt um eine Bissflügelaufnahme — damit werden Zwischenraumkaries am besten erkannt.
- Fragen Sie nach früheren Röntgenbildern zum Vergleich.
- Bei Unsicherheit können Sie eine zweite Meinung oder eine ergänzende Untersuchung (DIAGNOdent, Transillumination) anfragen.
- Prävention: Fluoridanwendungen, regelmäßige Prophylaxe und Fissurenversiegelung bei Kindern reduzieren das Kariesrisiko.
Fazit
Röntgenaufnahmen sind ein sehr wertvolles Werkzeug, um viele Formen von Karies — insbesondere interdentale und dentinale Läsionen — zu erkennen. Frühe Schmelzentkalkungen oder unter der Schmelzoberfläche versteckte Okklusaldefekte können jedoch übersehen werden. Darum ist die Röntgendiagnostik immer Teil eines Gesamtkonzepts: klinische Untersuchung, ggf. Laserfluoreszenz oder Transillumination und präventive Maßnahmen. Bei Zweifeln sprechen Sie Ihren Zahnarzt an — oft ist eine Kombination aus Beobachten und gezielter Prävention die beste Lösung.
Weiterführende Informationen: OralHealthFoundation – Röntgenaufnahmen, Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK).