Wenn Ohr und Kieferschmerzen zusammen auftreten: Ursachen, Diagnose und schnelle Hilfe
Ohr- und Kieferschmerzen treten häufig gemeinsam auf und werden oft falsch gedeutet. In diesem Artikel erfahren Sie, warum Schmerzen zwischen Ohr und Kiefer verbunden sind, wie Sie die Ursache erkennen und welche Sofortmaßnahmen und Behandlungen helfen können.
Warum treten Ohr- und Kieferschmerzen oft zusammen auf?
Das Ohr und das Kiefergelenk (Kiefergelenk = Temporomandibulargelenk, kurz TMG) liegen anatomisch nah beieinander und teilen sich Nervenverbindungen. Schmerzen können deshalb aus dem Kiefer in das Ohr strahlen – und umgekehrt. Außerdem können entzündliche Prozesse, Zahnprobleme oder muskuläre Verspannungen Schmerzen auf beiden Seiten verursachen.
Häufige Ursachen von Ohr- und Kieferschmerzen
- Funktionsstörungen des Kiefergelenks (CMD): Fehlstellungen, Knirschen (Bruxismus) oder Arthrose des TMG verursachen oft ziehende oder stechende Schmerzen, Knacken und eingeschränkte Mundöffnung.
- Zahnprobleme: Entzündete Zähne, Weisheitszahndurchbruch oder Abszesse können in Richtung Ohr ausstrahlen.
- Ohrentzündungen: Mittelohrentzündung oder äußere Otitis lösen lokale Schmerzen, die in den Kiefer ziehen können.
- Sinusitis: Entzündungen der Nasennebenhöhlen verursachen Druck und Schmerzen, die bis in Kiefer und Ohr spürbar sind.
- Trauma: Verletzungen am Kiefer oder Ohr (z. B. Schlag) führen oft zu kombinierten Beschwerden.
- Muskuläre Verspannungen: Stressbedingtes Anspannen von Kaumuskulatur kann Schmerzen im Kiefer und Ohr erzeugen.
- Neuropathische oder referierte Schmerzen: Probleme mit Nerven (z. B. Trigeminus) können Schmerzen in angrenzenden Regionen bedingen.
Typische Begleitsymptome
- Knacken oder Reiben beim Öffnen des Mundes
- eingeschränkte Mundöffnung (Trismus)
- einseitige Schmerzen
- Zahnschmerzen, Kälteempfindlichkeit
- Tinnitus oder Hörminderung (bei Ohrbeteiligung)
- Fieber und Ohrsekret (bei Infektionen)
Wie wird die Ursache festgestellt?
Die Abklärung beginnt mit einem gründlichen Gespräch und der körperlichen Untersuchung. Je nach Verdacht sind folgende Schritte üblich:
- Untersuchung durch Hausarzt, HNO-Arzt oder Zahnarzt – welcher Facharzt sinnvoll ist, hängt von den Symptomen ab.
- HNO-Untersuchung (Ohrspiegelung, Audiometrie) bei Verdacht auf Ohrprobleme.
- Zahnärztliche Untersuchung inklusive Röntgenaufnahmen (z. B. OPG) bei Zahnschmerzen.
- Bildgebung (Röntgen, CT, gelegentlich MRT) zur Darstellung von Kiefergelenk oder Nebenhöhlen.
- Funktionsdiagnostik bei CMD (Beurteilung von Bisslage, Muskelfunktion, ggf. Schienentherapie-Test).
Weiterführende Informationen bieten z. B. Fachartikel und Gesundheitsseiten wie Amplifon oder die AOK.
Sofortmaßnahmen zuhause (erste Hilfe)
- Wärmen oder kühlen: Bei muskulären Problemen hilft eine warme Kompresse, bei akuten Entzündungen kann Kühlen Linderung bringen.
- Schonung des Kiefers: weiche Nahrung, kein Kaugummi, nicht weit gähnen oder große Bissen nehmen.
- Schmerzmittel: Paracetamol oder Ibuprofen (nach Packungsangaben) zur kurzfristigen Schmerzlinderung. Bei Unsicherheit Rücksprache mit Arzt/Apotheker.
- Entspannungstechniken: progressive Muskelentspannung, Wärme und bewusstes Lockerlassen der Kaumuskulatur.
- Sanfte Dehnübungen und physiotherapeutische Mobilisation – auf Empfehlung des Therapeuten durchführen.
Wann Sie dringend einen Arzt aufsuchen sollten
- starke Schmerzen, die sich nicht mit einfachen Mitteln lindern lassen
- Fieber, Schwellung im Gesicht oder eitriger Ausfluss aus dem Ohr
- plötzliche Hörminderung oder Gesichtslähmung
- Unfähigkeit, den Mund zu öffnen oder zu schließen
- fortbestehende Schmerzen über mehrere Tage trotz Hausmaßnahmen
Therapiemöglichkeiten
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache:
- Bei CMD und Muskelproblemen: Physiotherapie, manuelle Therapie, entspannende Übungen, Aufbissschiene (Okkusionsschiene) nachts, Stressmanagement und Ergonomie.
- Bei Zahnproblemen: zahnärztliche Versorgung – Wurzelbehandlung, Entfernung eines entzündeten Zahns oder Füllungen.
- Bei Ohrinfektionen: HNO-Behandlung, ggf. Antibiotika bei bakterieller Infektion oder spezielle Ohrpflege.
- Medikamentös: Schmerzmittel, in ausgewählten Fällen Muskelrelaxanzien, Kortisoninjektionen oder Antibiotika bei Infektionen.
- Operative Eingriffe: Nur in schweren Fällen (z. B. fortgeschrittene Gelenkzerstörung) ist eine Operation des Kiefergelenks nötig.
Vorbeugung: Was hilft, um Ohr- und Kieferschmerzen zu vermeiden?
- Stress reduzieren und auf nächtliches Zähneknirschen achten (ggf. Schiene tragen)
- Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen
- Bewusstes Vermeiden von übermäßigem Kauen (z. B. Kaugummi) und großen Bissen
- Ergonomische Haltung und Pausen bei anhaltender Computerarbeit
- Kiefergymnastik zur Lockerung der Muskulatur
Fazit
Ohr und Kieferschmerzen treten häufig zusammen auf und haben viele mögliche Ursachen – von harmlosen Verspannungen bis zu Infektionen oder Zahnproblemen. Eine gezielte Diagnose durch HNO-Arzt, Zahnarzt oder Hausarzt ist wichtig, wenn die Beschwerden stark sind oder länger anhalten. Durch einfache Hausmaßnahmen, gezielte Therapie und präventive Schritte lassen sich viele Fälle gut behandeln und Rückfälle vermeiden. Bei Unsicherheit oder Alarmzeichen wie Fieber, eitrigem Ausfluss oder Gesichtslähmung suchen Sie sofort medizinische Hilfe.
Weiterführende Informationen:
Weitere Beiträge
Schmerzen nach Zahnabschleifen und Provisorium: Ursachen, Soforthilfe und wann Sie zum Zahnarzt müssen
vor 2 Wochen
Wenn Zähne im Ohr ziehen: Ursachen, Behandlung und Vorbeugung bei Ohrenschmerzen durch Zähne
vor 1 Monat