Myofunktionell verstehen: Ursachen, Symptome und wirksame Therapien für Mund‑ und Gesichtsmuskulatur
Kurz und prägnant: „myofunktionell“ beschreibt Funktionen und Fehlfunktionen der Muskelarbeit im Mund‑ und Gesichtsbereich. Wer die Signale erkennt, kann langfristige Folgen für Sprache, Atmung und Zahnstellung verhindern. Dieser Artikel erklärt Ursachen, typische Symptome, Diagnose und praxisnahe Therapieoptionen.
Der Begriff „myofunktionell“ stammt aus dem Griechischen (myo = Muskel) und bezieht sich auf die funktionelle Arbeit der Muskulatur — insbesondere im orofazialen Bereich (Zunge, Lippen, Wangen, Kaumuskulatur). Myofunktionelle Störungen entstehen, wenn diese Muskelaktivitäten verändert oder fehlgesteuert sind. Solche Störungen können die Atmung, das Schlucken, die Sprechentwicklung und sogar die Zahn‑ und Kieferentwicklung beeinflussen.
Was bedeutet myofunktionell genau?
„Myofunktionell“ beschreibt alles, was mit dem Zusammenspiel von Muskeln im Mund‑ und Gesichtsbereich zu tun hat. Eine myofunktionelle Störung liegt vor, wenn z. B. die Zunge nicht in Ruhe am Gaumen liegt, die Lippen nicht ausreichend schließen oder das Schlucken kindlich‑anterior (mit Zungenvorstoß) erfolgt. Solche Veränderungen haben funktionelle und oft auch strukturelle Folgen.
Häufige Ursachen
- Behinderte Nasenatmung (chronische Mundatmung) durch Allergien, Polypen oder vergrößerte Rachenmandeln
- Frühkindliche Gewohnheiten: Daumenlutschen, Schnullergebrauch über das empfohlene Alter
- Fehlende Zungenruheposition (tiefe Zunge, Zungenvorstoß)
- Neuromuskuläre Erkrankungen oder verzögerte motorische Entwicklung
- Unzureichende Nahrungsaufnahme bei Säuglingen (Schluckmuster)
Typische Symptome und Folgen
Die Symptome sind vielfältig und betreffen funktionelle, ästhetische und gesundheitliche Bereiche:
- Offener Biss, Engstand der Zähne, schmale Kiefer
- Mundatmung statt Nasenatmung, häufige Hals‑ oder Ohr‑Beschwerden
- Artikulationsstörungen, undeutliche Aussprache
- Kindliches Schluckmuster (Zungenvorstoß beim Schlucken)
- Verspannungen im Gesicht, Nacken‑ und Kieferschmerzen
Diagnose: Wer stellt eine myofunktionelle Störung fest?
Die Diagnose erfolgt interdisziplinär. Beteiligte Fachrichtungen sind Logopädie, Kieferorthopädie, HNO und ggf. Kinderheilkunde oder Physiotherapie. Eine systematische Anamnese (Gewohnheiten, Atmung, Essverhalten), klinische Untersuchung von Zungen‑ und Lippenstellung sowie standardisierte Tests (Schlucktest, Atmungsbeurteilung) sind üblich. Weiterführende Diagnostik kann Röntgen‑ bzw. kieferorthopädische Aufnahmen umfassen.
Myofunktionelle Therapie: Ziele und Methoden
Ziel der myofunktionellen Therapie ist es, das Gleichgewicht der orofazialen Muskulatur wiederherzustellen — also korrekte Zungenruhe, Nasenatmung, geschlossene Lippen und altersgerechtes Schluckverhalten. Wichtige Elemente sind:
- Logopädisches Training: gezielte Übungen für Zunge, Lippen und Wangen (z. B. Zungenlage‑Training, Lippen‑Seal‑Übungen)
- Orofaziale Physiotherapie: manuelle Techniken und Muskelkräftigung
- Atmungs‑ und Haltungscoaching: Förderung der Nasenatmung und physiologischer Kopf‑Haltung
- Entwöhnung schädlicher Gewohnheiten: Daumenlutschen, Schnuller reduzieren
- Interdisziplinäre Versorgung: Zusammenarbeit mit Kieferorthopäden, HNO‑Ärzten, Kinderärzten
Je nach Ursache kann ergänzend eine operative Behandlung (z. B. Adenotonsillektomie bei vergrößerten Mandeln) oder eine kieferorthopädische Maßnahme sinnvoll sein.
Konkrete Übungen (Beispiele)
Die folgenden Beispiele dienen zur Veranschaulichung; eine individuelle Anleitung durch Logopädie oder Physiotherapie ist empfohlen:
- Zungenruhelaltung: Zungenspitze leicht hinter den oberen Frontzähnen an den Gaumen legen, 10–20 Sekunden halten, mehrmals täglich.
- Lippen‑Seal: Lippen fest aber entspannt schließen, 10 Sekunden halten; mit kleinen Widerständen (z. B. Strohhalmübungen) kombinieren.
- Schlucktraining: Trocken schlucken mit bewusster Zungen‑Gaumen‑Pressung statt Zungenvorstoß, 5–10 Wiederholungen pro Sitzung.
- Nasale Atmung üben: Nasenblickatmung, abwechselndes Schließen eines Nasenlochs zur Sensibilisierung.
Wann sollten Eltern oder Betroffene zum Spezialisten?
- Wenn bei Kindern nach dem Säuglingsalter noch Zungenvorstoß beim Schlucken sichtbar ist
- Bei anhaltender Mundatmung, häufigen Ohr‑/Halsproblemen oder Schlafstörungen
- Bei Sprech‑ oder Artikulationsproblemen
- Wenn Kieferfehlstellungen oder Zahnprobleme auffällig sind
Früherkennung erleichtert häufig konservative Therapie und kann aufwändige kieferorthopädische Maßnahmen reduzieren.
Erfolgsaussichten und Therapiedauer
Erfolge hängen von Alter, Ursache und Therapiekonstanz ab. Bei Kindern sind Veränderungen durch Wachstumsphasen gut beeinflussbar; Erwachsene erreichen oft deutliche Verbesserungen, benötigen aber konsequentere Übungspraxis. Eine Therapie dauert typischerweise mehrere Monate bis über ein Jahr, mit regelmäßigen Kontrollen.
Weiterführende Informationen und Quellen
Vertiefende Informationen bieten Fachseiten und Übersichtsartikel, z. B.:
- Wikipedia zur Myofunktionellen Therapie
- DocCheck Flexikon: Myofunktionelle Therapie
- Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik und Logopädie: Informationsseiten zu myofunktionellen Störungen
Praktische Tipps für Alltag und Prävention
- Fördern Sie Nasenatmung: Allergiebehandlung, Raucherfreie Umgebung und Atemübungen.
- Beobachten Sie Saug‑ und Schluckverhalten bei Säuglingen; bei Unsicherheit früh einen Spezialisten aufsuchen.
- Gewohnheiten wie langfristiges Schnuller‑ oder Daumenlutschen altersgerecht reduzieren.
- Regelmäßige Kontrolltermine beim Zahnarzt bzw. Kieferorthopäden vereinbaren, besonders bei auffälliger Zahnstellung.
Fazit
„Myofunktionell“ betrifft die Funktion der Mund‑ und Gesichtsmuskulatur — Störungen können weitreichende Folgen für Atmung, Sprache und Kieferentwicklung haben. Wichtig ist die frühzeitige Erkennung und ein interdisziplinärer Behandlungsansatz: logopädisches Training, physiotherapeutische Maßnahmen, Atem‑ und Haltungsarbeit sowie gegebenenfalls kieferorthopädische oder hno‑ärztliche Interventionen. Mit gezielter Therapie lassen sich viele myofunktionelle Probleme nachhaltig verbessern.
Bei Verdacht auf eine myofunktionelle Störung empfiehlt sich eine Erstberatung bei einer logopädischen Praxis oder einem interdisziplinären Zentrum für Kiefer‑ und Sprachentwicklung.