Zahn ziehen trotz Entzündung – Wann es geht, was zu beachten ist und wie Risiken minimiert werden
Wenn ein Zahn entzündet ist, stellt sich oft die Frage: Kann man den Zahn trotzdem ziehen – oder macht das die Situation schlimmer? Dieser Beitrag erklärt, wann eine Extraktion bei Entzündung möglich und sinnvoll ist, welche Vorbehandlungen empfohlen werden und welche Nachsorge Sie unbedingt beachten sollten.
Kann man einen Zahn ziehen, wenn er entzündet ist?
Kurz: Ja — in vielen Fällen ist ein Zahn ziehen trotz Entzündung möglich und sogar notwendig. Ob die Extraktion sofort erfolgen kann oder zunächst eine medikamentöse Behandlung (z. B. Antibiotika, Inzision/Drainage) sinnvoller ist, entscheidet der Zahnarzt anhand des Infektionsbildes, der Schwere der Entzündung und des Allgemeinzustandes des Patienten.
Arten von Zahnentzündungen und ihre Bedeutung für die Extraktion
- Akuter periapikaler Abszess (Wurzelspitze): Oft starke Schmerzen, Schwellung, Eiterbildung. In vielen Fällen kann der Zahn gezogen werden, manchmal ist zunächst eine Drainage und/oder eine Antibiotikagabe nötig.
- Parodontales Abszess (Zahnfleischrand): Lokalisierte Schwellung am Zahnfleisch – hier hilft oft eine Spülung/Inzision und Reinigung; eine Extraktion kann folgen, wenn Erhalt nicht möglich ist.
- Chronische Entzündung/Zyste: Keine akuten Schmerzen, aber langfristige Schädigung des Knochens. Extraktion ist oft möglich, ggf. kombiniert mit Knochendébridement.
Wann wird ein Zahn trotz Entzündung nicht sofort gezogen?
Der Zahnarzt verschiebt eine Extraktion, wenn
- die Entzündung sehr stark ist und das Operationsgebiet akut stark geschwollen bzw. eitrig ist (hohes Risiko für Ausbreitung während des Eingriffs),
- der Patient Fieber, ausgeprägte Lymphknotenschwellung oder Zeichen einer systemischen Infektion zeigt,
- der Patient schwerwiegende Vorerkrankungen hat (z. B. geschwächtes Immunsystem, Blutgerinnungsstörungen) und erst eine Stabilisierung nötig ist.
Vorbehandlung: Antibiotika, Drainage, Schmerzbehandlung
Bei ausgeprägter akuter Infektion wird oft folgendes gemacht:
- Inzision und Drainage: Bei Eiteransammlungen führt der Zahnarzt oder Oralchirurg manchmal zuerst eine Eröffnung durch, sodass Eiter abfließen kann — das lindert Schmerzen und reduziert die Entzündungslast.
- Antibiotika: Bei ausgeprägten Schwellungen, systemischen Symptomen oder Risiko für Ausbreitung verordnet der Arzt ein Antibiotikum. Wichtig: Einnahme wie verschrieben beenden.
- Analgetika und abschwellende Maßnahmen: NSAR (z. B. Ibuprofen) und lokal kühlende Maßnahmen können Schmerzen und Schwellung reduzieren.
Der Eingriff: Einfaches Ziehen vs. chirurgische Extraktion
Je nach Befund unterscheidet man:
- Einfaches Ziehen: Der Zahn wird nach lokaler Betäubung mit Hebeln und Zangen entfernt. Möglich bei freiem Zugang und wenig zerstörtem Zahn.
- Chirurgische Extraktion: Bei zerstörten, im Knochen gebrochenen Zähnen oder ungünstiger Lage wird ein kleiner Schnitt ins Zahnfleisch gemacht, eventuell Knochen entfernt und der Zahn in Teilen entfernt. Diese Methode wird oft bei entzündeten Wurzeln angewandt.
Risiken und Komplikationen
- Ausbreitung der Infektion: Selten, aber möglich — insbesondere bei schlechter Allgemeingesundheit. Deshalb sind Assessment und ggf. Vorbehandlung wichtig.
- Trockene Alveole (Alveolitis sicca): Nach Extraktion kann sich das Blutgerinnsel lösen — starke Schmerzen und verzögerte Heilung sind die Folge. Gute Nachsorge reduziert das Risiko.
- Wundheilungsstörungen: Bei Rauchern, Diabetikern oder immunsupprimierten Patienten treten sie häufiger auf.
Nachsorge: Was Sie nach einer Extraktion trotz Entzündung beachten müssen
- Bei Blutung: feste Kompresse (gaze) 30–60 Minuten bei kräftigem Druck aufbeißen.
- Nicht spülen, nicht spucken, nicht mit Strohhalm trinken in den ersten 24 Stunden (beugt Verlust des Blutgerinnsels vor).
- Kühle von außen (Eispack in ein Tuch wickeln) in den ersten 24 Stunden intermittierend;
- Verschriebene Antibiotika vollständig einnehmen — auch wenn die Symptome schnell besser werden.
- Schmerzmittel nach Bedarf (z. B. Ibuprofen oder Paracetamol, falls erlaubt) und gemäß Empfehlung des Zahnarztes.
- Bei Fieber, zunehmender Schwellung, eitrigem Ausfluss oder Taubheitsgefühlen sofort den Zahnarzt oder die Notfallambulanz aufsuchen.
Besondere Patientengruppen
Bei Diabetes, Blutgerinnungsstörungen, Immunsuppression oder Einnahme von Blutverdünnern ist eine genaue Abwägung nötig. Oft ist vor der Extraktion Rücksprache mit dem Hausarzt bzw. Facharzt und eine Anpassung der Medikation sinnvoll.
Alternativen zur Extraktion
- Wurzelbehandlung (Endodontie): Kann eine entzündete Wurzel retten, wenn die Zahnstruktur ausreichend vorhanden und behandelbar ist.
- Parodontale Behandlung: Bei Zahnfleischerkrankungen kann eine tiefenreinigende Therapie zuerst versucht werden.
- Kombinierte Therapie: Drainage, Antibiotika und spätere Revision oder Entfernung — oft die schonendste Lösung.
Praxis-Tipps: Fragen, die Sie Ihrem Zahnarzt stellen sollten
- Können wir den Zahn jetzt ziehen oder ist eine Vorbehandlung nötig?
- Welche Risiken bestehen speziell in meinem Fall?
- Welche Schmerz- und Antibiotikatherapie empfehlen Sie?
- Wie verhalte ich mich bei Komplikationen (Schmerzen, Schwellung, Fieber)?
Fazit
Ein Zahn ziehen trotz Entzündung ist in vielen Fällen möglich und sicher — vorausgesetzt, die Infektion, der Allgemeinzustand und die zahnärztliche Einschätzung werden berücksichtigt. Manchmal ist eine kurzfristige Vorbehandlung (Drainage, Antibiotikum) ratsam, um Risiken zu reduzieren. Entscheidend sind eine individuelle Untersuchung, eine klare Behandlungsplanung und strikte Nachsorge. Bei Unsicherheit oder akuten Verschlechterungen suchen Sie umgehend zahnärztliche oder ärztliche Hilfe.
Weiterführende Informationen finden Sie bei zahnmedizinischen Fachgesellschaften und seriösen Gesundheitspublikationen; sprechen Sie am besten direkt mit Ihrem Zahnarzt über Ihren konkreten Fall.
Weitere Beiträge
Der ZusammenhANG zwischen Zähnen und Organen: Ein ganzheitlicher Blick auf die Gesundheit
vor 3 Monaten
Antibiotikum für Zahnentzündung: Welche Präparate helfen, wann sie nötig sind und welche Risiken es gibt
vor 1 Monat
RANTES-Blutwert verstehen: Hinweis auf stille Entzündungen im Kiefer und mögliche Systemauswirkungen
vor 1 Monat