Knochenaufbau: Wenn Granulat aus dem Zahnfleisch tritt – Ursachen, Sofortmaßnahmen und Behandlung
Dass nach einem Knochenaufbau Granulat sichtbar wird, ist beunruhigend. Hier erfahren Sie verständlich und praxisnah, warum das passieren kann, welche Risiken bestehen und welche Schritte jetzt sinnvoll sind.
Was genau ist mit „Granulat tritt aus“ gemeint?
Bei einem Knochenaufbau (Augmentation) wird häufig körniges Knochenersatzmaterial – ein sogenanntes Granulat – in einen Defekt eingebracht (z. B. nach Zahnverlust, bei Sinuslift oder vor Implantation). Normalerweise wird das Granulat vom Körper eingebaut oder von neu gebildetem Knochen überlagert. Wenn jedoch Partikel durch die Gingiva (Zahnfleisch) nach außen treten und sichtbar oder spürbar werden, spricht man vom "Granulataustritt". Das ist ein Zeichen, dass die Wundheilung nicht optimal verlaufen ist.
Häufige Ursachen
- Wunddehiszenz / Nahtversagen: Wenn die Wunde nicht dicht verschlossen bleibt, kann das Granulat freigelegt und ausgeschwemmt werden.
- Infektion: Eine bakterielle Entzündung führt zu Eiterbildung und Gewebeauflösung – Granulat kann so „hinausgedrückt“ werden.
- Membranexposition oder -versagen: Bei Verwendung einer Barrieremembran (zur Führung der Regeneration) kann deren Freilegung zum Verlust oder zur Ausschwemmung des darunter liegenden Materials führen.
- Materialeigenschaften: Manche xenogene oder synthetische Partikel (z. B. Bio-Oss) sind sehr klein und können leichter durch eine schwache Schleimhaut nach außen gelangen, wenn die Stabilität fehlt.
- Migrationswege / Fisteln: Chronische Entzündungen können Fistelgänge bilden, durch die Granulat austritt – auch Monate nach der OP (z. B. nach Sinuslift).
- Mechanische Belastung oder Druck: Zu frühe Belastung, Druckstellen durch provisorische Prothetik oder starke Zungen-/Lippenbewegungen können die Wundheilung stören.
Wann tritt das Granulat typischerweise aus?
Der Zeitpunkt ist entscheidend für die Ursache:
- Frühphase (Tage bis Wochen): Meist Nahtversagen, Wunddehiszenz oder akute Infektion.
- Spätphase (Monate): Kann auf chronische Entzündung, Fistelbildung oder unvollständige Integration hinweisen.
Typische Symptome
- Sichtbare weiße/beige Partikel oder Körnchen im Bereich der Wunde
- Schwellung, Rötung, Druckschmerz
- Fistelöffnung mit eitrigem Ausfluss
- anhaltender schlechter Geschmack oder Mundgeruch
- bei Beteiligung der Kieferhöhle: Beschwerden beim Atmen durch die Nase, Sekret, Schmerzen im Bereich der Wange
Was sollten Sie sofort tun?
- Kontaktieren Sie umgehend Ihren behandelnden Zahnarzt oder Kieferchirurgen — Granulataustritt ist eine Komplikation, die ärztliche Beurteilung braucht.
- Vermeiden Sie Manipulation mit den Fingern oder Zungenspitzen (keine Versuche, Granulat selbst zu entfernen).
- Halten Sie die Mundhygiene vorsichtig aufrecht (sanft mit chlorhexidin-haltiger Spülung, falls verordnet).
- Bei starken Schmerzen, Fieber oder deutlich eitrigem Ausfluss suchen Sie eine Notfallbehandlung; es kann eine systemische Infektion vorliegen.
Untersuchung und Diagnostik durch den Behandler
Ihr Zahnarzt wird die Region klinisch inspizieren und, falls nötig, radiologisch abklären (Röntgen, Orthopantomogramm, häufig CBCT bei Verdacht auf Sinusbeteiligung). Wichtige Fragen sind: Ist eine Implantatschraube betroffen? Liegt eine Membranexposition vor? Besteht Verbindung zur Kieferhöhle?
Mögliche Therapieoptionen
- Konservative Therapie: Lokale Spülungen, antiseptische Spülungen (z. B. Chlorhexidin), orale Antibiotika bei Infektzeichen. Kleine, nicht infizierte Partikel können manchmal vom Körper toleriert werden.
- Chirurgische Revision: Entfernung lose liegender Partikel, Débridement des Granulationsgewebes, erneute Wundverschluss-Operation (Primärnaht, ggf. Lappenplastiken) und gegebenenfalls Austausch oder Fixation der Membran.
- Sinus-Operation: Bei Beteiligung der Kieferhöhle kann ein Sinuslift-Revisions-Eingriff oder eine endoskopische Versorgung notwendig werden.
- Implantatentfernung: Falls ein Implantat infiziert ist oder zur Infektausbreitung beiträgt, kann dessen Entfernung angezeigt sein.
- Späterer Wiedereingriff: Nach Abklingen der Infektion wird oft ein erneuter Knochenaufbau geplant (zeitlich verzögert).
Prognose
Die Prognose hängt vom Ausmaß der Infektion, der Schnelligkeit der Behandlung und vom verwendeten Material ab. Frühes Erkennen und schnelles Eingreifen verbessern die Chance, dass ein dauerhafter Knochenaufbau gelingt. In vielen Fällen lässt sich das Problem beheben und ein späterer Neuaufbau ist möglich.
Vorbeugung – was Patienten tun können
- Sorgfältige Befolgung der postoperativen Anweisungen (Ruhigstellung, Ernährung, Mundhygiene).
- Nichtrauchen: Rauchen verzögert die Heilung deutlich und erhöht Komplikationsrisiko.
- Vermeiden von Druck oder Trauma im OP-Bereich (keine harten Lebensmittel, keine Manipulation).
- Regelmäßige Nachsorgetermine einhalten, damit Probleme früh erkannt werden.
Fragen, die Sie Ihrem behandelnden Arzt stellen sollten
- Was ist die wahrscheinlichste Ursache für den Granulataustritt in meinem Fall?
- Brauche ich Antibiotika oder eine Operation?
- Beeinträchtigt das den geplanten Implantattermin? Wann kann ein Wiederaufbau erfolgen?
- Welche Maßnahmen kann ich selbst kurzfristig zur Schmerzlinderung und Infektionskontrolle ergreifen?
Weiterführende Links
Allgemeine Informationen zu Knochenaufbau und Implantologie finden Sie z. B. auf den Seiten zahnärztlicher Fachgesellschaften oder unabhängiger Kliniken:
- Bundeszahnärztekammer (bzaek.de)
- Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (dgzmk.de)
Fazit
Das Austreten von Knochenersatzmaterial ist eine ernstzunehmende Komplikation, die meist auf Wundheilungsstörungen oder Infektionen hinweist. Wichtig ist schnelles ärztliches Handeln: nicht selbst entfernen, Behandler kontaktieren und die empfohlene Behandlung befolgen. Mit adäquater Therapie sind gute Ergebnisse und ein späterer Wiederaufbau oft möglich.