Funktionskieferorthopädische Geräte: Wie sie wirken, welche Typen es gibt und wann sie sinnvoll sind
Funktionskieferorthopädische Geräte (FKO-Geräte) sind herausnehmbare Apparaturen, die vor allem das Kieferwachstum und die Muskulatur beeinflussen. Dieser Artikel erklärt verständlich, welche Geräte es gibt, wie sie wirken, für welche Fehlstellungen sie geeignet sind und worauf Eltern und Patienten achten sollten.
Was sind funktionskieferorthopädische Geräte?
Funktionskieferorthopädische Geräte (oft kurz FKO-Geräte genannt) sind zumeist herausnehmbare Apparaturen aus Kunststoff und Draht, die nicht primär einzelne Zähne bewegen, sondern das Zusammenspiel von Kiefer, Zähnen und Gesichtsmuskulatur beeinflussen. Sie nutzen natürliche Muskelkräfte und das Wachstum, um Fehlstellungen der Kieferrelation zu korrigieren. Mehr zu den Grundlagen finden Sie z. B. im DocCheck Flexikon: Funktionskieferorthopädie (DocCheck).
Wie funktionieren FKO-Geräte?
- Positionierung: Das Gerät verändert die Lage der Unter- oder Oberkieferzähne und damit die Ruhe- und Kaufunktion.
- Muskeltraining: Durch die veränderte Bisslage werden Lippen-, Wangen- und Zungenmuskulatur „umtrainiert“; die veränderte Muskelaktivität beeinflusst langfristig die Knochenform.
- Wachstumssteuerung: Bei Kindern und Jugendlichen kann die natürliche Wachstumsrichtung des Kiefers gefördert oder gebremst werden, sodass sich die Kiefer zueinander besser entwickeln.
Für welche Fehlstellungen sind FKO-Geräte geeignet?
FKO-Geräte werden meist in der Wachstumsphase angewendet (typisch 6–14 Jahre). Häufige Indikationen sind:
- Klasse-II-Fehlbiss (zurückliegender Unterkiefer)
- offener Biss oder tiefer Biss mit funktionellen Störungen
- bei Lippen- und Zungenfehlfunktionen, die zu Zahnfehlstellungen beitragen
- als Vorbereitung vor einer festsitzenden Behandlung, um das Kieferverhältnis zu verbessern
Gängige Gerätetypen
Es gibt mehrere in der Praxis etablierte Bauformen. Die Auswahl richtet sich nach Fehlstellung, Alter und Kooperationsfähigkeit des Kindes.
- Aktivator – Klassiker der FKO: blockartige Kunststoffplatte, trennt die Zahnreihen und führt den Unterkiefer in eine vorverlagerte Position.
- Bionator – ähnelt dem Aktivator, ist meist einfacher gebaut und weniger einschneidend für die Zunge.
- Twin-Block – besteht aus zwei Platten (Ober- und Unterkiefer) mit schräg verlaufenden Führungsflächen; sehr effektiv bei Klasse-II-Behandlungen.
- Fränkel-Gerät – nutzt Außenschilde aus Kunststoff, um Weichgewebe (Wangen, Lippen) von den Zähnen zu halten und die Mundfunktion günstig zu verändern.
- Kombinierte Apparaturen – z. B. Aktivator mit Kopfstütze (Headgear) oder Geräte mit Schrauben zur Erweiterung des Oberkiefers.
Behandlungsablauf und Dauer
- Diagnose: Kieferorthopäde untersucht Zähne, Kieferrelation und Funktion (Biss, Atmung, Zungenlage).
- Behandlungsplanung: Auswahl des passenden FKO-Geräts und Festlegen der Tragezeit.
- Anpassung: Herstellung nach Abdruck/Scan und individuelle Anpassung im Mund.
- Aktive Phase: Üblicherweise 12–18 Monate aktive Therapie; Dauer hängt vom Befund und Wachstum ab.
- Retentionsphase: Oft folgt eine anschließende Retention oder festsitzende Behandlung, um das Ergebnis zu stabilisieren.
Tragezeit und Mitarbeit
Der Erfolg hängt stark von der Mitarbeit ab. Empfohlen werden häufig 12–14 Stunden Tragezeit täglich oder sogar das Tragen nachts plus Teile des Tages. Manche Geräte müssen nur nachts getragen werden; andere wiederum sind auf Daueranwendung ausgerichtet. Der Kieferorthopäde gibt genaue Empfehlungen.
Pflege und Alltagstauglichkeit
- Reinigung: Mit Zahnbürste und milder Seife/Prothesenzahnpasta. Keine heißen Flüssigkeiten (Verformungsgefahr).
- Essverhalten: Viele Geräte sollen beim Essen entfernt werden; bei einigen (z. B. bestimmten Twin-Block-Varianten) ist kurzes Essen möglich.
- Störgefühl: Anfangs Sprechen und Schlucken ungewohnt — Gewöhnung meist innerhalb weniger Tage bis Wochen.
Mögliche Nebenwirkungen und Einschränkungen
FKO-Geräte sind generell schonend, können aber kurzfristig zu folgenden Effekten führen:
- Speichelfluss und Druckgefühle
- leichte Zahnbewegungen, die später korrigiert werden müssen
- bei schlechter Mitarbeit oder falscher Anpassung unzureichende Wirkung
Seriöse Aufklärung erfolgt beim Kieferorthopäden. Bei Schmerzen, anhaltender Irritation oder beschädigtem Gerät sollte zeitnah der Behandler aufgesucht werden.
Kosten und Abrechnung
Die Kosten hängen vom Befund, Gerätetyp und Behandlungsumfang ab. Bei Kindern mit kieferorthopädischem Behandlungsbedarf übernehmen gesetzliche Krankenkassen in der Regel Teile der Kosten (z. B. KIG-System in Deutschland). Zusatzkosten für Material, individuelle Anpassungen oder spezielle Geräte können anfallen. Klären Sie Finanzierung und Kostenübernahme vor Behandlungsbeginn mit Ihrem Kieferorthopäden und der Krankenkasse.
Tipps für Eltern
- Sprechen Sie offen mit dem Kind über die Ziele — Motivation erhöht die Mitarbeit.
- Regelmäßige Kontrollen einhalten: kleine Anpassungen verbessern den Behandlungserfolg.
- Auf Sauberkeit achten: regelmäßiges Reinigen verhindert Gerüche und Beläge.
- Bei Sport oder Musikinstrumenten den KFO über Schutzmaßnahmen informieren (z. B. Sportmundschutz).
Weiterführende Quellen
Mehrfach gute Einführungen bieten Fachseiten und Kliniken, z. B.:
- DocCheck Flexikon – Funktionskieferorthopädie
- Universitätsklinikum Würzburg – Funktionskieferorthopädie
Fazit
Funktionskieferorthopädische Geräte sind ein bewährtes Mittel, um funktionelle Störungen und wachstumsbedingte Kieferfehlstellungen frühzeitig zu behandeln. Erfolg hängt von Diagnose, Geräteauswahl und vor allem der Mitarbeit des Patienten ab. Bei Unsicherheit oder Fragen ist eine fachliche Beratung durch eine kieferorthopädische Praxis die beste Entscheidung — dort erhalten Sie individuell passende Empfehlungen und eine Abschätzung der Erfolgsaussichten.
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