Wenn der Zahn schmerzt, aber im Röntgen nichts zu sehen ist — Ursachen, Diagnose und praktische Hilfe
Schmerzen im Zahnbereich können quälend sein — doch manchmal zeigt das Röntgenbild keinen Befund. Das bedeutet nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind. Dieser Beitrag erklärt, warum Röntgenbilder unauffällig bleiben können, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind und wie Sie schnell Linderung finden.
Warum ein Röntgenbild manchmal „nichts zeigt“
Konventionelle zweidimensionale Röntgenaufnahmen (Bissflügel-, OPG-Aufnahmen) sind ein sehr wichtiges Hilfsmittel, aber sie haben Grenzen. Kleinste Rissbildungen, frühe Entzündungen des Zahnmarks, feine Frakturen oder Veränderungen in weichen Geweben sind oft nicht sichtbar. Zusätzlich können überlagerte Strukturen, Position des Zahns oder schlechte Projektion die Aussagekraft einschränken.
Mögliche zahnärztliche Ursachen trotz unauffälligem Röntgen
- Pulpitis im Frühstadium: Entzündungen im Zahnmark zeigen sich klinisch oft mit heftigen Schmerzen, sind radiologisch aber noch nicht sichtbar.
- Riss- oder Haarrisse im Zahn (cracked tooth): Längsfrakturen sind auf normalen Aufnahmen schwer darstellbar. Schmerzen treten oft beim Kauen auf.
- Vertikale Wurzelfrakturen: Diese können erst spät oder gar nicht im 2D-Röntgen auffallen.
- Probleme an Füllungen oder Kronen: Undichte Ränder, Materialermüdung oder hochstehende Restaurationen können schmerzhaft sein ohne radiologischen Befund.
- Parodontale Probleme im Frühstadium: Taschen oder Reizungen des Zahnhalteapparats sind nicht immer klar im Röntgen erkennbar.
Nicht-odontogene Ursachen (Zähne sind nicht primär die Ursache)
- Sinusitis (Kieferhöhlenentzündung): Druckschmerz im oberen Backenzahnbereich, oft mit Schmerz bei Lagewechsel oder Kopfschmerz.
- Temporomandibuläre Dysfunktion (CMD): Fehlbelastung, Kiefergelenkschmerzen oder Muskelverspannungen können in die Zähne ausstrahlen.
- Myofasziale Triggerpunkte: Verspannungen der Kaumuskulatur (M. masseter, M. temporalis) können zahnähnliche Schmerzen auslösen.
- Neuropathische Schmerzen: Nervenschmerzen (z. B. posttraumatische Neuralgie) sind oft schwer zu lokalisieren und röntgenologisch unauffällig.
- Referred pain: Schmerzen aus Halswirbelsäule, Ohr oder Herz (sehr selten) können in den Zahn ausstrahlen.
Welche Untersuchungen ergänzen das Röntgen?
Wenn das konventionelle Röntgen nichts zeigt, können diese Maßnahmen helfen:
- Klinsiche Tests: Kältetest, Wärme, Elektropulpentest, Klopfschmerz, Sondierung der Parodontaltaschen, Prüfung der Okklusion (Biss).
- Bissfleisch-/Transillumination: Lichtdurchstrahlung kann Risse sichtbar machen.
- 3D-Bildgebung (DVT/CBCT): Computertomografie des Kiefers bringt oft zusätzliche Informationen, insbesondere bei komplizierten Frakturen, vermuteten Wurzelproblemen oder fokussierter Entzündung.
- Spezialisten-Konsil: Überweisung zum Endodontologen, Oralchirurgen, Kiefergelenk-Spezialisten (CMD) oder HNO-Arzt, wenn nicht-odontogene Ursachen wahrscheinlich sind.
- Funktionelle Untersuchung: Untersuchung der Kaumuskulatur und des Kiefergelenks, ggf. mittels Physiotherapie-Befund.
Konkrete Hinweise: Wann ist welches Vorgehen sinnvoll?
- Akuter, stechender Schmerz beim Kauen: Verdacht auf Riss — genaue Untersuchung, Bisstests, ggf. provisorische Entlastung (z. B. Schiene) oder 3D-Aufnahme.
- Ständige, pochende Schmerzen ohne Röntgenbefund: Pulpitis oder beginnende tiefe Karies möglich — Vitalitätstest und Verlaufskontrollen.
- Ausstrahlende Schmerzen mit Ohrenschmerzen oder Nasensekretion: HNO-Abklärung (Sinusitis) sinnvoll.
- Mehrere Zähne betroffen, Schmerzen verbessern/schlimmer bei Tageszeit: Hinweis auf muskuläre oder neuropathische Ursachen — ggf. Überweisung zur Physio- oder Schmerztherapie.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Therapie richtet sich nach der Ursache:
- Konservative Versorgung: Anpassung der Restauration, Schienenversorgung bei Okklusionsproblemen, medikamentöse Schmerztherapie.
- Endodontische Behandlung: Bei Pulpitis oder nicht sichtbaren Wurzelentzündungen kann eine Wurzelkanalbehandlung nötig werden.
- Operative Eingriffe: Bei nicht sichtbaren Frakturen oder unklarem Verlauf ist manchmal eine chirurgische Exploration oder Extraktion erforderlich.
- Therapie nicht-odontogener Ursachen: Physiotherapie, Triggerpunkt-Behandlung, HNO-Therapie bei Sinusitis, neuropathische Schmerztherapie.
Was Sie selbst tun können — pragmatische Tipps
- Führen Sie ein Schmerzprotokoll: Zeitpunkt, Dauer, Intensität, Auslöser (Kauen, Kälte, Wärme).
- Vermeiden Sie harte oder klebrige Speisen, bis die Ursache abgeklärt ist.
- Wärme oder Kälte kann je nach Art des Schmerzes helfen (bei Muskelverspannung Wärme, bei akuter Entzündung eher Kälte). Testen Sie vorsichtig.
- Schmerzmittel nach Absprache: Paracetamol oder Ibuprofen (sofern keine Kontraindikationen) kurzfristig.
- Suchen Sie zeitnah einen Zahnarzt auf und bestehen Sie auf weiterführender Diagnostik, wenn der Schmerz bleibt.
Wann ist sofortige Hilfe nötig?
Suchen Sie umgehend einen Zahnarzt oder den Notdienst auf, wenn hinzu kommen: starke Schwellung, Fieber, Schluck- oder Atembeschwerden, starke Blutungen oder unerträgliche Schmerzen. Solche Symptome können auf eine ausgedehnte Infektion hinweisen.
Fazit
Ein unauffälliges Röntgenbild schließt eine ernsthafte Ursache für Zahnschmerzen nicht aus. Wichtig ist eine sorgfältige klinische Untersuchung, gezielte Tests und gegebenenfalls weiterführende Bildgebung (CBCT) oder fachspezifische Abklärung (Endodontie, HNO, Kiefergelenk). Wenn Ihre Schmerzen anhalten oder sich verschlimmern, holen Sie eine Zweitmeinung ein und bestehen auf eine umfassende Diagnostik.
Weiterführende Informationen finden Sie z. B. bei der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde: dgzmk.de oder bei HNO-Fragen auf hno.org.
Bei konkreten Symptomen können Sie mir gern weitere Details (Lokalisation, Schmerzbeschreibung, Dauer, vorherige Behandlungen) schicken — dann gebe ich gezieltere Hinweise, was als nächstes zu tun ist.
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