Gezielt trainieren: Myofunktionelle Übungen für Atmung, Schlucken und Kiefergesundheit
Kurz erklärt: Warum myofunktionelle Übungen bei Kindern und Erwachsenen helfen können — und wie Sie sie sicher in den Alltag integrieren. Praktische Übungen, Hinweise zur Durchführung und wann professionelle Hilfe nötig ist.
Was sind myofunktionelle Übungen?
Myofunktionelle Übungen sind gezielte Trainingseinheiten für Zunge, Lippen, Wangen und Atemmuskulatur. Sie zielen darauf ab, falsche Muskelgewohnheiten (myofunktionelle Störungen) zu korrigieren — zum Beispiel offenes Mundatmen, falsches Schluckmuster oder eine persistierende Zungenprotrusion (Zunge schiebt gegen die Zähne).
Warum sind myofunktionelle Übungen wichtig?
Fehlfunktionen der orofazialen Muskulatur können langfristig Einfluss auf Kieferwachstum, Zahnstellung, Sprachentwicklung und Atmung haben. Durch gezieltes Training lassen sich:
- Zungenruhelage verbessern (Zunge am Gaumen statt am Zahn)
- richtiges Schluckmuster erlernen (so genannter „adult swallow“ statt infantilen Schluckens)
- Nasale Atmung fördern statt Mundatmung
- Unterstützung für kieferorthopädische Behandlungen bieten
Wer profitiert von myofunktionellen Übungen?
Patientengruppen sind meist:
- Kinder mit offener Mundhaltung, Zungenpressen oder Sprachauffälligkeiten
- Jugendliche und Erwachsene mit kieferorthopädischen Problemen oder rezidivierenden Zahnfehlstellungen
- Menschen mit Schlafstörungen, Schnarchen oder obstruktiver Schlafapnoe als ergänzende Maßnahme
Eine fachliche Abklärung durch Logopädie, Kieferorthopädie oder HNO ist sinnvoll, um die Ursache zu klären und ein individuelles Übungsprogramm zu erstellen (siehe weiter unten).
Vier einfache myofunktionelle Übungen zum Einstieg
Die folgenden Übungen sind Beispiele, die oft in der Praxis empfohlen werden. Achten Sie auf langsamen, kontrollierten Ablauf und saubere Technik.
1. Lippenverschluss-Training
- Schließen Sie die Lippen locker zusammen, ohne die Zähne aufeinander zu pressen.
- Halten Sie die Lippen 10–15 Sekunden geschlossen und atmen dabei durch die Nase.
- Wiederholen Sie 5–10-mal. Ziel: stabiler Lippenverschluss auch in Ruhe.
2. Zungenruhelage am Gaumen
- Die Zungenspitze hinter die oberen Schneidezähne an den Gaumen legen, dann die gesamte Zungenfläche leicht anheben.
- Sanft anhalten für 5–10 Sekunden, mehrfach am Tag wiederholen.
- Wichtig: Keine Spannung in Kiefer oder Wangen aufbauen — es soll eine ruhige Haltefunktion sein.
3. Schlucktraining (kausale Übung)
- Trocken schlucken, dabei bewusst darauf achten, dass die Zunge gegen den Gaumen zieht und nicht gegen die Zähne drückt.
- 5–10-mal hintereinander, langsam und bewusst.
- Kann mit einem kleinen Löffel Wasser ergänzt werden, um das richtige Muster zu üben.
4. Wangen- und Saugübungen
- Wangen aufblasen und die Luft links und rechts verschieben (jeweils 5–10 Sekunden halten).
- Saugübungen mit Strohhalm: Mit einem Strohhalm Flüssigkeit anziehen und 10–15 Sekunden halten — kräftigt Lippen- und Mundbodenmuskulatur.
Tipps zur Durchführung und Trainingsplan
Myofunktionelle Übungen zeigen meist erst nach mehreren Wochen Wirkung. Darauf sollten Sie achten:
- Regelmäßigkeit: Kurz, aber täglich (z. B. 2–3 Sitzungen à 5–10 Minuten)
- Korrekte Technik: Qualität vor Quantität; lieber wenige saubere Wiederholungen
- Alltagsintegration: Erinnerungen (z. B. nach dem Zähneputzen) erhöhen die Compliance
- Dokumentation: Fortschritt in einem kleinen Tagebuch festhalten
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
- Zu viel Kaudruck oder Kieferanspannung: langsam und entspannt üben.
- Übungen ohne Ziel: vorab abklären, welche Störung genau besteht.
- Fehlende Kombination mit Nasenatmungstraining: Atmung ist zentral für Erfolg.
Wann ist professionelle Therapie sinnvoll?
Wenn Beschwerden bestehen wie persistierendes Mundatmen, Zahnfehlstellungen, Sprachprobleme, Schmerzen oder Schlafstörungen, sollte eine interdisziplinäre Untersuchung erfolgen. Logopädinnen/Logopäden, Kieferorthopäden und HNO-Ärztinnen/-Ärzte arbeiten häufig zusammen, um ein individuelles Programm zu erstellen und gegebenenfalls kieferorthopädische Maßnahmen zu unterstützen.
Wissenschaftliche Hintergründe und Belege
Die myofunktionelle Therapie ist in Logopädie und Kieferorthopädie etabliert. Studien zeigen positive Effekte auf Schluckmuster, Lippen- und Zungenruhelage sowie als Unterstützung für kieferorthopädische Eingriffe. Eine systematische Therapie ist effektiver als sporadische Übungen allein — daher die Bedeutung qualifizierter Anleitung.
Weiterführende Quellen und Links
- Allgemeiner Überblick: Wikipedia: Myofunktionelle Therapie
- Praxisbeispiele und Übungen: Dres. Ackermann – Myofunktionelle Therapie
- Informationen für Eltern und Therapiepläne: Unimedizin Mainz – Broschüre Kieferentwicklung
- Praxisleitfaden und Materialien: Übungsblocks Schulz-Kirchner Verlag
Fazit
Myofunktionelle Übungen sind ein wirksames Werkzeug, um orofaziale Muskelfunktionen zu verbessern — vorausgesetzt, sie werden korrekt, regelmäßig und idealerweise unter fachlicher Anleitung durchgeführt. Kleine tägliche Trainingseinheiten können große Effekte für Atmung, Schlucken und langfristige Kiefer- und Zahnstellung haben. Bei Unsicherheiten oder bestehenden Beschwerden unbedingt fachärztlichen Rat einholen.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Diagnostik. Bei akuten Problemen oder starken Beschwerden sollten Sie eine Logopädin/einen Logopäden, einen Kieferorthopäden oder einen HNO-Arzt aufsuchen.